Ein Kind klagt über kurzen Drehschwindel beim Hinlegen, Aufstehen oder Kopfdrehen — und kann kaum beschreiben, was genau passiert. Eltern denken dabei selten an Lagerungsschwindel. Dabei ist er bei Kindern häufiger als weithin bekannt, gut behandelbar und spricht auf dieselben Manöver an wie beim Erwachsenen. Das eigentliche Problem: Die Diagnose kommt oft erst nach Monaten.


Wie häufig ist Lagerungsschwindel bei Kindern?

Lagerungsschwindel gilt als typische Erkrankung des Erwachsenenalters. Das ist nur die halbe Wahrheit. In einer Studie mit 110 Kindern und Jugendlichen, die wegen Schwindelbeschwerden eine Schwindelsprechstunde aufsuchten, war Lagerungsschwindel bei fast einem von fünf die Ursache.1 Das ist keine Seltenheit.

Der Altersgipfel liegt im Schulalter und in der Pubertät. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen 10 und 17 Jahren, bei Kleinkindern unter 5 Jahren ist Lagerungsschwindel selten. Mädchen erkranken etwas häufiger als Jungen, etwa im Verhältnis 3:2.2


Wie Kinder Lagerungsschwindel erleben — und warum die Diagnose oft spät kommt

Erwachsene beschreiben Lagerungsschwindel meist präzise: kurzer Drehschwindel, ausgelöst durch bestimmte Kopfbewegungen, Dauer unter einer Minute. Kinder können das oft nicht so artikulieren. Jüngere Kinder sagen, es werde “wackelig” oder “komisch”, sie weigern sich plötzlich, bestimmte Kopfbewegungen zu machen, oder sie vermeiden das Hinlegen auf einer Seite. Ältere Kinder und Jugendliche beschreiben die typischen Symptome besser — werden aber häufig zunächst nicht an eine Innenohrursache gedacht.

Das Ergebnis: Die durchschnittliche Verzögerung zwischen dem ersten Auftreten der Beschwerden und der korrekten Diagnose lag in einer Studie bei fast sechs Monaten — 178 Tage.1 Sechs Monate, in denen das Kind unnötig leidet, obwohl die Behandlung einfach und wirksam ist.

Typische Merkmale:

  • Kurzer Drehschwindel beim Hinlegen, Aufstehen oder Kopfdrehen (Sekunden, nicht Minuten)
  • Häufig begleitet von Übelkeit, seltener Erbrechen
  • Vermeidungsverhalten: das Kind dreht den Kopf nicht in eine Richtung, schläft nur auf einer Seite
  • Kein anhaltender Dauerschwindel zwischen den Attacken

Ursachen bei Kindern: Kopftrauma und Migräne an erster Stelle

Beim Erwachsenen entsteht Lagerungsschwindel am häufigsten ohne erkennbaren Auslöser — idiopathisch. Bei Kindern ist das die Ausnahme: 80,7 Prozent der Fälle haben eine nachweisbare Ursache, nur 19,3 Prozent gelten als idiopathisch.2

Kopftrauma und Gehirnerschütterung. In der bislang größten Studie zu pädiatrischem Lagerungsschwindel hatten 38 Prozent der betroffenen Kinder zuvor eine Gehirnerschütterung erlitten.1 Stürze, Sportunfälle und Fahrradunfälle sind im Kindesalter häufig — und jedes dieser Ereignisse kann Otolithen aus ihrer Verankerung lösen. Mehr dazu im Artikel Lagerungsschwindel nach Schleudertrauma. Wichtig: Der Schwindel muss nicht unmittelbar nach dem Unfall beginnen, oft vergehen Tage oder Wochen.

Vestibuläre Migräne. Etwa 30 Prozent der Kinder mit Lagerungsschwindel leiden gleichzeitig an Migräne.1 Migräne kann die Otolithen des Gleichgewichtsorgans destabilisieren und Lagerungsschwindel auslösen oder begünstigen. Kinder mit vestibulärer Migräne haben ein etwa fünffach höheres Rückfallrisiko als Kinder ohne Migräne — das ist bei der Begleitung nach der Behandlung wichtig.1

Sonstige Ursachen. Seltenere Auslöser sind Mittelohrentzündungen, Neuritis vestibularis und — nach Einsetzen von Cochlea-Implantaten — operative Eingriffe am Innenohr.


Diagnose: Der Dix-Hallpike-Test bei Kindern

Die Diagnose wird klinisch gestellt — durch den Dix-Hallpike-Test. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Erwachsenen: Der Patient wird aus dem Sitzen zügig in die Rückenlage mit hängendem, seitlich gedrehtem Kopf gebracht. Beim BPPV des hinteren Bogengangs löst das den typischen kurzen Drehschwindel mit Nystagmus aus.

Bei Kindern ist der Test anspruchsvoller. Kleinere Kinder können nicht auf Kommando still liegen, sind ängstlich oder verstehen die Anweisung nicht. Der Test erfordert Geduld und Erfahrung mit der Altersgruppe. Beim Roll-Test für den horizontalen Bogengang gilt dasselbe.

Wichtig: Beim ersten Auftreten von Drehschwindel bei einem Kind muss immer vollständig untersucht werden. Vestibuläre Migräne, Mittelohrentzündungen und zentralnervöse Ursachen müssen ausgeschlossen werden, bevor ein Repositionsmanöver beginnt.


Behandlung: Das Epley-Manöver funktioniert auch bei Kindern

Die bewährten Repositionsmanöver sprechen bei Kindern genauso an wie bei Erwachsenen. Das Epley-Manöver erreicht beim posterioren BPPV Erfolgsraten von 80 bis 90 Prozent nach einer Sitzung.3 Das gilt auch im Kindesalter. Nur bei einem kleineren Teil der Fälle sind fünf oder mehr Manöver nötig.1

Besonderheiten bei Kindern:

Kooperation ist entscheidend. Das Kind muss den Kopf in jeder Manöver-Position einige Sekunden halten — eine kurze Erklärung vorab, spielerische Vermittlung des Ablaufs und die Anwesenheit eines Elternteils helfen erheblich.

Mehrere Kanäle häufiger betroffen. Nach Kopftrauma sind bei Kindern häufig mehrere Bogengänge gleichzeitig betroffen — in einer Studie bei mehr als einem Drittel der Fälle.1 Das kann aufeinanderfolgende Manöver für verschiedene Seiten oder Kanäle erfordern.

Selbstbehandlung zu Hause. Bei Schulkindern und Jugendlichen, wenn die Diagnose ärztlich gesichert und kein Kopftrauma vorausgegangen ist, kann das Manöver mit elterlicher Begleitung zu Hause durchgeführt werden. Bei jüngeren Kindern und nach Unfällen gehört die erste Behandlung in die HNO-Praxis.


Vestibuläre Migräne: Wenn Schwindel und Kopfschmerzen zusammenkommen

Wenn ein Kind sowohl unter Lagerungsschwindel als auch unter Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit oder anderen Migränesymptomen leidet, sollte vestibuläre Migräne aktiv mitbedacht werden. Die Kombination ist häufig — und verändert die Prognose.

Das Repositionsmanöver wirkt auch bei diesen Kindern, das Rückfallrisiko ist aber deutlich erhöht.1 Eine konsequente Migränebehandlung kann das Rezidivrisiko senken. Eltern und behandelnde Ärzte sollten beide Erkrankungen im Blick behalten, statt Schwindel und Kopfschmerz als getrennte Probleme zu behandeln.


Wann unbedingt zum Arzt

Beim ersten Auftreten von Drehschwindel bei einem Kind immer zur ärztlichen Abklärung — auch wenn der Schwindel kurz und lagungsabhängig klingt. Andere Ursachen müssen ausgeschlossen werden.

Sofort ärztliche Hilfe suchen bei:

  • Anhaltendem Schwindel über mehrere Minuten oder Stunden
  • Schwindel nach einem Kopfaufprall oder Sturz
  • Schwindel mit Kopfschmerzen, Erbrechen, Sehstörungen oder Taubheitsgefühlen
  • Hörverlust oder neuem Tinnitus
  • Gangstörungen oder Koordinationsproblemen
  • Schwindel bei einem Kind unter 5 Jahren

Häufige Fragen

Ab welchem Alter tritt Lagerungsschwindel bei Kindern auf?

In der Praxis überwiegend im Schulalter und in der Pubertät, Altersgipfel zwischen 10 und 17 Jahren. Unter 5 Jahren ist Lagerungsschwindel selten — wenn ein Kleinkind unter Schwindel leidet, sollte besonders sorgfältig nach anderen Ursachen gesucht werden.

Kann mein Kind das Epley-Manöver zu Hause machen?

Bei Schulkindern und Jugendlichen, wenn die Diagnose ärztlich gesichert und kein Kopftrauma vorausgegangen ist: ja, mit elterlicher Begleitung. Bei jüngeren Kindern oder nach einem Unfall gehört die erste Behandlung in die Praxis. Der HNO-Arzt zeigt den Ablauf und erklärt, wann eine Heimbehandlung sinnvoll ist.

Kann Lagerungsschwindel nach einer Gehirnerschütterung auftreten?

Ja. In einer Studie hatten 38 Prozent der Kinder mit Lagerungsschwindel zuvor eine Gehirnerschütterung erlitten.1 Der Schwindel kann unmittelbar nach dem Unfall oder mit Verzögerung von Tagen bis Wochen beginnen. Wer nach einem Sportunfall oder Sturz über lagungsabhängigen Drehschwindel klagt, sollte beim HNO-Arzt auf BPPV untersucht werden.

Wird Lagerungsschwindel bei Kindern von selbst besser?

Manchmal — aber ohne Behandlung kann es Wochen bis Monate dauern, beim posterioren BPPV in manchen Fällen bis zu einem Jahr.2 Das Repositionsmanöver verkürzt diese Zeit erheblich. Abwarten ist keine empfehlenswerte Strategie, wenn eine wirksame Behandlung verfügbar ist.

Hat mein Kind ein erhöhtes Rückfallrisiko?

Das hängt von der Ursache ab. Kinder mit vestibulärer Migräne haben ein etwa fünffach höheres Rezidivrisiko als Kinder ohne Migräne.1 Vitamin-D-Spiegel kontrollieren lassen: Ein Mangel ist auch im Kindesalter ein Risikofaktor für Rückfälle.4


Das Wichtigste im Überblick

  • Lagerungsschwindel bei Kindern ist häufiger als angenommen — betroffen sind vor allem Schulkinder und Jugendliche.
  • Die Diagnose kommt durchschnittlich erst nach 178 Tagen. Kinder können Schwindel schlechter beschreiben; Vermeidungsverhalten ist ein wichtiger Hinweis.
  • Häufigste Ursachen: Kopftrauma / Gehirnerschütterung (38 %) und vestibuläre Migräne (30 %).
  • Das Epley-Manöver ist auch bei Kindern wirksam — die Kooperation des Kindes ist entscheidend.
  • Nach Kopftrauma sind häufiger mehrere Kanäle betroffen, was mehrere Behandlungsschritte erfordern kann.
  • Kinder mit vestibulärer Migräne haben ein deutlich erhöhtes Rückfallrisiko.
  • Beim ersten Auftreten immer ärztliche Abklärung.

Die genauen Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Epley-Manöver finden Sie im Bereich Therapie.

Beim ersten Auftreten von Drehschwindel bei einem Kind ist eine ärztliche Untersuchung wichtig, um andere Ursachen sicher auszuschliessen.


Quellen


  1. Brodsky JR, Lipson S, Wilber J, Zhou G. (2018). Benign Paroxysmal Positional Vertigo (BPPV) in Children and Adolescents: Clinical Features and Response to Therapy in 110 Pediatric Patients. Otology & Neurotology. 39(3):344–350. DOI: 10.1097/MAO.0000000000001673 ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  2. Galluzzi F, Garavello W. (2022). Benign Paroxysmal Positional Vertigo in Children: A Narrative Review. The Journal of International Advanced Otology. 18(2):177–182. DOI: 10.5152/iao.2022.20087 ↩︎ ↩︎ ↩︎

  3. Reinink H et al. (2014). Epley’s repositioning manoeuvre for posterior canal benign paroxysmal positional vertigo. Otolaryngol Head Neck Surg. 151(1):5–6. DOI: 10.1177/0194599814536511 ↩︎

  4. Jeong SH et al. (2020). Vitamin D and Calcium Supplement Reduces Recurrent Benign Paroxysmal Positional Vertigo. Neurology. 95(9):e1117–e1125. DOI: 10.1212/WNL.0000000000010343 ↩︎