Nach einer Corona-Infektion klagen viele Menschen noch wochenlang über Schwindel. Drehschwindel beim Aufstehen, beim Umdrehen im Bett oder beim Kopfneigen, der nach wenigen Sekunden wieder abklingt: Das klingt nach Long-COVID-Erschöpfung, hat aber oft eine konkrete mechanische Ursache im Innenohr. Eine große US-amerikanische Kohortenstudie zeigte, dass COVID-19-Patienten ein 2,39- bis 3,63-fach erhöhtes Risiko für vestibuläre Störungen haben.1 Lagerungsschwindel nach Corona ist häufiger als bisher angenommen und gut behandelbar.
Dieser Artikel erklärt, wie COVID-19 BPPV auslösen kann, was ihn von anderen Schwindelbeschwerden nach einer Infektion unterscheidet und wie die Behandlung aussieht.
Warum Corona Lagerungsschwindel auslösen kann
BPPV entsteht, wenn sich Otolithen, die Kalkkristalle im Gleichgewichtsorgan, aus ihrer Verankerung lösen und in einen Bogengang wandern. Eine COVID-19-Infektion kann diesen Prozess über mehrere Wege gleichzeitig begünstigen.
Direkter Virusangriff auf das Innenohr. SARS-CoV-2 kann über ACE2-Rezeptoren und TMPRSS2 direkt in vestibuläre Haarzellen und Schwann-Zellen eindringen. Die Folge ist eine Destabilisierung der otolithischen Membran, von der die Otolithen abgelöst werden können.2
Entzündungsreaktion im Innenohr. Der bei schweren COVID-Verläufen auftretende Zytokinsturm führt zu einer lokalen Labyrinthitis und verändert die biochemische Zusammensetzung der Endolymphe. Beides begünstigt die Fragmentierung und Ablösung von Otokonien.2
Vaskuläre Schädigung der Labyrintharterie. COVID-19 erhöht die Gerinnungsneigung. Mikrothromben in der kleinen Labyrintharterie können eine lokale Ischämie der Macula auslösen und zum Zelluntergang mit nachfolgender Otolith-Ablösung führen. In einer Studie wurde eine signifikante Korrelation zwischen erhöhten D-Dimer-Werten und dem Auftreten von BPPV nach COVID gefunden.2
Längere Bettlägerigkeit. Immobilität ist ein anerkannter Risikofaktor für BPPV. Wer mehrere Tage oder Wochen flach liegt, bewegt den Kopf kaum, und bereits abgelöste Partikel sinken schwerkraftbedingt in den posterioren Bogengang ab. Bei hospitalisierten COVID-Patienten ist dieser Mechanismus besonders relevant.
Vitamin-D-Abfall. Lockdowns und Erkrankung führten zu weniger Sonnenlichtexposition und einem Absinken des Vitamin-D-Spiegels. Vitamin-D-Mangel destabilisiert den Kalziumstoffwechsel der Otolithenorgane und erhöht das BPPV-Risiko.3
Long-COVID-Schwindel: Nicht alles ist BPPV
Schwindel ist eines der häufigsten Long-COVID-Symptome: In einer deutschen Befragung von über 1.000 Long-COVID-Patienten im Mittel 43 Wochen nach der Infektion gaben 60 Prozent anhaltenden Schwindel an.4 Nicht jeder dieser Fälle ist ein BPPV. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie die Behandlung bestimmt.
Typischer BPPV: Kurzer Drehschwindel unter eine Minute bei bestimmten Kopfbewegungen, dazwischen vollständige Beschwerdefreiheit. Auslösbar und beweisbar mit dem Dix-Hallpike-Test.
Vestibuläre Neuritis nach COVID: Anhaltender Drehschwindel über Tage, meist einseitig, ohne lageabhängige Auslösbarkeit. COVID-19 kann den Gleichgewichtsnerv direkt schädigen. Der vHIT-Test zeigt dabei einen pathologischen Befund.
PPPD (chronisch-funktioneller Schwindel): Diffuses Schwanken, Unsicherheitsgefühl, verstärkt durch visuelle Reize oder emotionalen Stress. Keine klare Lageabhängigkeit. Kann sich nach jeder Gleichgewichtsstörung entwickeln, auch nach einem durchgemachten BPPV.
Autonome Dysregulation und POTS: Kreislaufschwindel beim Aufstehen, Herzrasen, anhaltende Erschöpfung. Betrifft das Herz-Kreislauf-System, nicht das Innenohr, und erfordert eine ganz andere Behandlung.
Beim ersten Auftreten von Schwindel nach einer Corona-Infektion ist ärztliche Abklärung wichtig, um die richtige Diagnose zu stellen und andere Ursachen auszuschliessen.
Diagnose: Der Dix-Hallpike-Test entscheidet
Der BPPV nach Corona verhält sich diagnostisch wie jeder andere BPPV: Der Dix-Hallpike-Test löst den typischen torsionalen Lagerungsnystagmus aus. Fällt er positiv aus, ist die Diagnose gesichert. Fällt er negativ aus, sollte zusätzlich der Roll-Test für den horizontalen Bogengang durchgeführt werden.
Den Dix-Hallpike-Test können Sie sich in unserem Video ansehen: Dix-Hallpike auf YouTube
Ein wichtiger Hinweis: Nach einer COVID-Infektion sollte bei anhaltendem oder atypischem Schwindel ein Arzt die Diagnose stellen. Nicht jeder Schwindel nach Corona ist BPPV. Befunde wie unauffälliger vHIT, fehlender Nystagmus oder anhaltende Beschwerden auch ohne Kopfbewegung weisen auf andere Ursachen hin.
Behandlung: Epley-Manöver bleibt das Mittel der Wahl
Ist BPPV die Ursache, ändert sich die Behandlung nicht grundlegend. Eine Studie zu COVID-assoziiertem BPPV zeigte eine Erfolgsrate von 67 Prozent nach dem ersten Manöver, mit einem Mittelwert von 1,5 benötigten Durchgängen.2 Das ist etwas geringer als bei idiopathischem BPPV, wo Reinink et al. 80 bis 84 Prozent nach einem Manöver und bis zu 92 Prozent durch Wiederholung belegen.5 Der Unterschied wird auf die zusätzliche neurotrope Wirkung des Virus auf das zentrale Nervensystem zurückgeführt.
Residualschwindel häufiger. Post-COVID-Patienten leiden nach einer erfolgreichen Reposition signifikant häufiger an anhaltendem Residualschwindel als Patienten mit idiopathischem BPPV.2 Das Gehirn braucht nach COVID länger, um die veränderten Gleichgewichtssignale zu kompensieren. Das ist kein Behandlungsversagen, sondern ein erwartbarer Verlauf.
Vitamin-D-Spiegel kontrollieren. Nach einer COVID-Erkrankung, besonders nach schwerem Verlauf oder längerer Isolation, lohnt sich die Kontrolle des Vitamin-D-Spiegels. Bei nachgewiesenem Mangel senkt eine Supplementierung das Rezidivrisiko messbar.3
Erschöpfung beachten. Bei Long-COVID-Patienten mit ausgeprägter Erschöpfung empfiehlt sich die Durchführung beim Arzt oder Therapeuten. Die körperliche Belastung durch das Manöver ist zwar gering, aber bei schwerem Long-COVID ist die persönliche Begleitung sinnvoll.
Wann Schwindel nach Corona ein Notfall ist
Schwindel nach einer Infektion ist meist harmlos. Sofort ärztliche Hilfe suchen bei:
- Anhaltendem Schwindel über mehrere Stunden ohne Unterbrechung
- Schwindel mit Kopfschmerzen, Sehstörungen, Taubheitsgefühlen oder Lähmungen
- Plötzlichem einseitigen Hörverlust oder neuem Tinnitus
- Schwindel, der sich in den ersten Tagen nach der Infektion kontinuierlich verschlechtert
Häufige Fragen
Wie lange nach Corona kann Lagerungsschwindel auftreten?
In einer deutschen Langzeitbefragung gaben 60 Prozent der Long-COVID-Patienten noch rund zehn Monate nach der Infektion Schwindel an, 43 Prozent sogar nach zwei Jahren.4 BPPV kann während der Akuterkrankung beginnen, aber auch erst Wochen später, wenn sich destabilisierte Otolithen vollständig verlagert haben.
Ist Lagerungsschwindel nach Corona ein Zeichen für Long COVID?
Nicht zwingend. BPPV hat eine mechanische Ursache im Innenohr und ist nicht dasselbe wie das Long-COVID-Syndrom. Er kann aber als direkte Folge der Infektion auftreten und zusammen mit anderen Long-COVID-Symptomen vorkommen. Die Behandlung ist in beiden Fällen dieselbe: das Epley-Manöver.
Kann ich das Epley-Manöver bei Long COVID selbst durchführen?
Ja, wenn die Diagnose BPPV ärztlich gesichert ist. Bei ausgeprägter Erschöpfung oder starken anderen Long-COVID-Symptomen empfiehlt sich die Durchführung beim Arzt oder Therapeuten, der die Situation beurteilen kann.
Geht Lagerungsschwindel nach Corona von selbst weg?
Ohne Behandlung dauert ein posteriorer BPPV im Durchschnitt etwa 39 Tage bis zur spontanen Remission.6 Das Epley-Manöver verkürzt diesen Zeitraum auf meist wenige Tage. Der häufigere Residualschwindel bei Post-COVID-BPPV kann auch nach erfolgreicher Reposition noch einige Wochen anhalten.
Das Wichtigste im Überblick
- COVID-19-Patienten haben ein 2,39- bis 3,63-fach erhöhtes Risiko für vestibuläre Störungen.1
- Die Mechanismen sind vielfältig: Neurotropismus, Entzündung, Mikrothromben, Bettlägerigkeit, Vitamin-D-Abfall.
- 60 Prozent der Long-COVID-Patienten berichten noch Monate nach der Infektion über Schwindel — nicht alles davon ist BPPV.4
- Der Dix-Hallpike-Test sichert die Diagnose und grenzt BPPV von anderen Ursachen ab.
- Das Epley-Manöver bleibt das Mittel der Wahl, Post-COVID-BPPV braucht im Schnitt etwas mehr Durchgänge.2
- Residualschwindel nach erfolgreicher Reposition ist bei Post-COVID häufiger und klingt in der Regel von selbst ab.
- Beim ersten Auftreten von Schwindel nach Corona immer ärztliche Abklärung.
Die Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu allen Befreiungsmanövern finden Sie im Bereich Therapie.
Beim ersten Auftreten von Schwindel nach einer Corona-Infektion ist ärztliche Abklärung wichtig, um die Diagnose zu sichern und andere Ursachen auszuschliessen.
Quellen
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Shoucri S et al. (2024). Increased Incidence of Vestibular Disorders in Patients With SARS-CoV-2. Otology & Neurotology Open, 4(2), e0046. DOI: 10.1097/ONO.0000000000000046 ↩︎ ↩︎
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Kahraman SS, Yucedag F. (2022). Is There an Association Between Benign Paroxysmal Positional Vertigo and the COVID-19 Pandemic? Medical Records, 4(1):38–43. DOI: 10.37990/medr.1086671 ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎
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Jeong SH et al. (2020). Vitamin D and Calcium Supplement Reduces Recurrent Benign Paroxysmal Positional Vertigo. Neurology. 95(9):e1117–e1125. DOI: 10.1212/WNL.0000000000010343 ↩︎ ↩︎
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Degen CV et al. (2022). Self-reported Tinnitus and Vertigo or Dizziness in a Cohort of Adult Long COVID Patients. Frontiers in Neurology, 13:884002. DOI: 10.3389/fneur.2022.884002 ↩︎ ↩︎ ↩︎
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Reinink H et al. (2014). Epley’s repositioning manoeuvre for posterior canal benign paroxysmal positional vertigo. Otolaryngol Head Neck Surg. 151(1):5–6. DOI: 10.1177/0194599814536511 ↩︎
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Imai T et al. (2005). Natural course of the remission of vertigo in patients with benign paroxysmal positional vertigo. Neurology. 64(6):920–921. DOI: 10.1212/01.WNL.0000152890.00170.DA ↩︎