Schwindel in der Schwangerschaft ist häufig — und löst verständlicherweise Sorgen aus. Wenn der Drehschwindel nur beim Aufstehen, Hinlegen oder Kopfdrehen auftritt und innerhalb von Sekunden wieder nachlässt, ist Lagerungsschwindel eine wahrscheinliche Ursache. Die gute Nachricht: Lagerungsschwindel in der Schwangerschaft ist behandelbar, und die bewährten Befreiungsmanöver können auch in der Schwangerschaft angewendet werden — mit einigen Anpassungen.

Dieser Artikel erklärt, warum Lagerungsschwindel in der Schwangerschaft häufiger auftritt, welche Behandlung sicher ist und worauf besonders im dritten Trimester zu achten ist.


Warum Lagerungsschwindel in der Schwangerschaft häufiger auftritt

Lagerungsschwindel entsteht, wenn sich winzige Kalkkristalle — Otolithen — aus dem Gleichgewichtsorgan lösen und in einen der Bogengänge des Innenohrs wandern. Die Schwangerschaft begünstigt diesen Prozess aus einem konkreten Grund: Der Kalzium- und Mineralstoffwechsel verändert sich tiefgreifend.1

Der wachsende Fetus hat einen hohen Kalziumbedarf. Ist die Versorgung über die Ernährung und Vitamin-D-Bildung nicht ausreichend, mobilisiert der Körper Kalziumreserven — auch aus dem Gleichgewichtsorgan. Dieser Prozess kann die Otolithen destabilisieren und ihr Ablösen begünstigen.

Kein Zufall also, dass Lagerungsschwindel besonders häufig im zweiten und dritten Trimester auftritt, wenn der Kalziumbedarf des Kindes am höchsten ist.1 Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft zu Lagerungsschwindel neigten, haben in dieser Phase ein erhöhtes Risiko für einen Rückfall.


Ist Lagerungsschwindel gefährlich für das Kind?

Nein. Lagerungsschwindel selbst ist eine mechanische Störung des Innenohrs — er hat keinen direkten Einfluss auf das Kind. Die Erkrankung betrifft ausschließlich das Gleichgewichtsorgan der Mutter.

Die eigentliche Gefahr besteht in den Sturzfolgen: Ein heftiger Schwindelanfall kann das Gleichgewicht so beeinträchtigen, dass ein Sturz droht. Deshalb ist es wichtig, bei plötzlichem Schwindel sofort eine stabile Position einzunehmen, sich festzuhalten und Bewegungen für den Moment zu vermeiden.


Das Epley-Manöver in der Schwangerschaft: Ist es sicher?

Das Epley-Manöver ist das wirksamste Befreiungsmanöver bei posteriorem Lagerungsschwindel — mit Erfolgsraten von 80 bis 90 Prozent nach einer Sitzung.2 Es gilt in der medizinischen Literatur auch in der Schwangerschaft als sicher und ist die Behandlung der Wahl.1

Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung im dritten Trimester: Das flache Liegen auf dem Rücken sollte ab etwa der 20. Schwangerschaftswoche vermieden werden. Der Grund ist das sogenannte Vena-cava-Kompressionssyndrom — die Gebärmutter kann in Rückenlage die untere Hohlvene abdrücken und den venösen Rückfluss zum Herzen vermindern. Manche Frauen reagieren mit Schwindel, Übelkeit oder Kreislaufproblemen.

Die Lösung ist eine einfache Anpassung: Das Manöver wird mit leicht erhöhtem Oberkörper durchgeführt. Eine Neigung von 30 bis 45 Grad ist in der Regel ausreichend und beeinträchtigt die Wirksamkeit des Manövers nicht wesentlich. Manche Therapeuten setzen im dritten Trimester das sogenannte Li-Manöver ein3 — eine speziell für Schwangere entwickelte Variante, bei der die Patientin zu keinem Zeitpunkt vollständig flach liegt.

Wichtig: Das Epley-Manöver in der Schwangerschaft sollte nicht alleine zu Hause durchgeführt werden. Die Begleitung durch eine zweite Person ist aus Sicherheitsgründen empfehlenswert — sowohl wegen des Sturzrisikos beim Schwindel als auch weil die korrekte Kopfpositionierung von außen leichter kontrolliert werden kann.


Behandlung nach Trimester: Was wann möglich ist

Erstes Trimester

Im ersten Trimester bestehen keine wesentlichen Einschränkungen gegenüber der Standardbehandlung. Das Epley-Manöver und das Semont-Manöver können in der üblichen Form durchgeführt werden. Der Bauch ist noch klein, das flache Liegen bereitet keine Probleme.

Zweites Trimester

Ab dem zweiten Trimester empfiehlt sich Vorsicht beim längeren Liegen auf dem Rücken. Das Manöver kann weiterhin durchgeführt werden, die Rückenlage-Phasen sollten jedoch zügig abgeschlossen werden. Nach dem Manöver ist das Aufsetzen über die Seite sicherer als das direkte Aufrichten aus der Rückenlage.

Drittes Trimester

Im dritten Trimester sind Anpassungen sinnvoll. Bewährt hat sich die halbaufrechte Position beim Manöver (Oberkörper 30 bis 45 Grad erhöht). Der HNO-Arzt oder Therapeut kann das Manöver entsprechend anpassen. Die Selbstbehandlung zu Hause ist in diesem Stadium ohne Begleitung nicht zu empfehlen.


Brandt-Daroff-Übungen: Die sicherste Heimoption

Die Brandt-Daroff-Übungen werden vollständig im Sitzen und Seitlage durchgeführt — ohne flaches Liegen auf dem Rücken. Sie sind deshalb in der gesamten Schwangerschaft ohne Einschränkungen möglich.

Ein ehrlicher Hinweis: Brandt-Daroff ist deutlich weniger wirksam als das Epley-Manöver. Studien zeigen eine Erfolgsrate von etwa 25 Prozent nach einer Woche.4 Sie eignen sich gut als ergänzende Übung oder wenn das Epley-Manöver vorübergehend nicht möglich ist — als alleinige Behandlung ist sie bei stärkerem Lagerungsschwindel oft nicht ausreichend.


Medikamente: Meist nicht nötig und in der Schwangerschaft problematisch

Schwindelmittel wie Betahistin, das bei anderen Schwindelformen eingesetzt wird, sind bei Lagerungsschwindel grundsätzlich nicht die Therapie der Wahl — weil Lagerungsschwindel eine mechanische Ursache hat, die kein Medikament behebt. In der Schwangerschaft kommt hinzu, dass viele dieser Mittel nicht empfohlen werden.

Das ist kein Nachteil: Die Befreiungsmanöver sind ohnehin wirksamer als jedes Medikament. Wer das richtige Manöver korrekt durchführt, hat die beste Chance auf schnelle Beschwerdefreiheit — ohne Nebenwirkungen, ohne Wartezeit.


Wann unbedingt zum Arzt

Beim ersten Auftreten von Drehschwindel in der Schwangerschaft sollte immer ein Arzt aufgesucht werden. Nicht jeder Schwindel ist Lagerungsschwindel — und andere Ursachen wie Blutdruckschwankungen, Anämie oder seltenere Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden.

Sofort ärztliche Hilfe suchen bei:

  • Anhaltendem Schwindel über mehrere Minuten oder Stunden
  • Schwindel mit Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Taubheitsgefühlen
  • Hörverlust oder neuem Tinnitus
  • Schwindel nach einem Sturz oder Schlag auf den Kopf

Diese Symptome können auf andere Erkrankungen hinweisen, die einer raschen Abklärung bedürfen.


Häufige Fragen

Kann ich das Epley-Manöver in der Schwangerschaft selbst durchführen?

Im ersten und zweiten Trimester ist es mit einer Begleitperson möglich, wenn die Diagnose ärztlich gesichert ist. Im dritten Trimester empfiehlt sich die Durchführung beim HNO-Arzt oder in der Praxis — die Anpassung der Körperposition ist dort einfacher zu gewährleisten.

Verschwindet Lagerungsschwindel nach der Geburt von selbst?

Häufig ja. Mit der Normalisierung des Mineralstoffwechsels nach der Geburt stabilisieren sich auch die Otolithenorgane wieder. Viele Frauen berichten, dass der Schwindel in den Wochen nach der Entbindung nachlässt oder ganz aufhört — auch ohne erneute Behandlung.

Muss ich in der Schwangerschaft besonders auf Vitamin D achten?

Ja, und das gilt unabhängig vom Lagerungsschwindel. Vitamin D ist essenziell für den Kalziumstoffwechsel von Mutter und Kind. Ein Mangel erhöht sowohl das Risiko für Lagerungsschwindel als auch für andere Komplikationen.5 Der Vitamin-D-Spiegel sollte bei der Schwangerschaftsvorsorge besprochen werden.

Ist Lagerungsschwindel in der Schwangerschaft ein Zeichen für einen Vitamin-D-Mangel?

Nicht zwingend, aber es ist ein Hinweis, der Beachtung verdient. Ein Bluttest klärt die Frage schnell. Liegt ein Mangel vor, kann eine ärztlich begleitete Supplementierung sowohl für die Schwangerschaft als auch zur Vorbeugung erneuter Episoden sinnvoll sein.


Das Wichtigste im Überblick

  • Lagerungsschwindel tritt in der Schwangerschaft häufiger auf, besonders im zweiten und dritten Trimester.
  • Das Epley-Manöver ist auch in der Schwangerschaft das wirksamste Befreiungsmanöver und gilt als sicher.
  • Im dritten Trimester sind Anpassungen nötig: kein flaches Liegen, leicht erhöhter Oberkörper.
  • Immer mit Begleitung — nie alleine im dritten Trimester.
  • Beim ersten Auftreten von Schwindel in der Schwangerschaft immer ärztliche Abklärung.
  • Vitamin-D-Spiegel überprüfen lassen.

Die genauen Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Epley-Manöver und zum Semont-Manöver — jeweils für rechts und links — finden Sie im Bereich Therapie.

Beim ersten Auftreten von Schwindel in der Schwangerschaft ist eine ärztliche Untersuchung wichtig, um andere Ursachen sicher auszuschliessen.


Quellen


  1. Çoban K, Yiğit N, Aydın E. (2017). Benign Paroxysmal Positional Vertigo in Pregnancy. Turkish Archives of Otorhinolaryngology. 55(2):83–86. DOI: 10.5152/tao.2017.2079 ↩︎ ↩︎ ↩︎

  2. Reinink H et al. (2014). Epley’s repositioning manoeuvre for posterior canal benign paroxysmal positional vertigo. Otolaryngol Head Neck Surg. 151(1):5–6. DOI: 10.1177/0194599814536511 ↩︎

  3. Li J, Tian S, Zou S. (2017). Efficacy of the Li maneuver in treating posterior canal benign paroxysmal positional vertigo. Acta Otolaryngol. 137(6):588–592. DOI: 10.1080/00016489.2016.1258731 ↩︎

  4. Amor-Dorado JC et al. (2012). Particle Repositioning Maneuver versus Brandt-Daroff Exercise for Treatment of Unilateral Idiopathic BPPV. Otol Neurotol. 33(9):1479–1484. DOI: 10.1097/MAO.0b013e31826b50e0 ↩︎

  5. Jeong SH et al. (2020). Vitamin D and Calcium Supplement Reduces Recurrent Benign Paroxysmal Positional Vertigo. Neurology. 95(9):e1117–e1125. DOI: 10.1212/WNL.0000000000010343 ↩︎