Lagerungsschwindel verstehen und behandeln

Lagerungsschwindel

Der benigne, paroxysmale Lagerungsschwindel

LagerungsschwindelEin plötzlicher Drehschwindel beim Hinlegen oder Umdrehen, ein Unsicherheitsgefühl beim Bücken, Aufrichten oder Gehen können Anzeichen für einen gutartigen Lagerungsschwindel sein. Gerade wenn der Lagerungsschwindel zum ersten Mal auftaucht, kann er sehr angsteinflößend sein. Man hat das Gefühl, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren und ein Kontrollverlust gehört zu den Urängsten der modernen Menschen.

Vollkommen verunsichert, was diesen Drehschwindel ausgelöst hat, rufen viele Menschen die Ambulanz und landen im Krankenhaus. Gar nicht so selten werden dann so ziemlich alle Untersuchungen gemacht, welche schön und teuer sind. Viele Betroffene werden ohne erkannte Ursache wieder nach Hause geschickt. Dabei können einfache Tests innerhalb weniger Minuten zur sicheren Diagnose „gutartiger Lagerungsschwindel“ führen.

Nach der Diagnose kann der Patient innerhalb kürzester Zeit behandelt und sogar geheilt werden. Dazu stehen dem Arzt die unterschiedlichsten Lagerungsmanöver zur Verfügung. Es handelt sich dabei und eine Aneinanderreihung von Dreh- und Halteübungen, welche die Ursache des Lagerungsschwindel – die Fehlleitung von kleinen Kristallen im Gleichgewichtsorgan – beheben.

Der gutartige Lagerungsschwindel ist die häufigste Erkrankung des Gleichgewichtsorgans und immerhin hat jeder von uns eine 10 %ige Chance in seinem Leben unter einem Lagerungsschwindel zu leiden. Dummer weise gibt es auch eine relativ hohe Rate an Rezidiven. Als Faustformel gilt, dass 50 Prozent aller, die unter einem Lagerungsschwindel litten, in den nächsten fünf Jahren erneut eine Episode durchmachen.

Geschichte des Lagerungsschwindels

Das Krankheitsbild des gutartigen Lagerungsschwindels wurde erstmals von Adler 1887 beschrieben. Bàràny veröffentlichte 1921 den Fall einer 27 – jährigen Patientin mit den typischen Symptomen eines Lagerungsschwindels. Er nahm damals an, dass es sich dabei um einer Erkrankung des Gleichgewichtsorgans handeln könnte. Auch die Kollegen Dix und Hallpike vermuteten eine so genannte Otolithenstörung als Ursache der Erkrankung. Sie gaben der Krankheit ihren noch heute gültigen Namen: „benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel“

Es gibt aktuell zwei akzeptierte Theorien, wie ein solcher Lagerungsschwindel ausgelöst wird. Die eine wird Canalolithiasis und die anderer Cuplulolithiasis genannt.

Das Wort „benigne“ ist ein Synonym für gutartig und das Wort

„paroxysmal“ = kommt aus dem Griechischen und bedeutet „anfallsartig“. Dieser Terminus beschreibt auch gleichzeitig die wichtigsten Eigenschaften des Lagerungsschwindels. Es ist eine gutartige, anfallsartig wiederholende Störung des Gleichgewichtsorgans.

Vielleicht leiden gerade Sie in diesem Moment unter diesen Beschwerden oder sie kennen jemanden der darunter leidet. Die Verunsicherung muss nicht sein! Ein Experte erkennt innerhalb weniger Minuten die Ursache und kann sie genauso schnell beheben!

Der benigne, paroxysmale Lagerungsschwindel ist eine harmlose, aber für den Einzelnen sehr belastende Erkrankung des Gleichgewichtsorgans und ist bei über 90 Prozent der Betroffenen in den richtigen Händen innerhalb kürzester Zeit zu behandeln.

Was, wenn Sie einen richtigen Experten für dieses Krankheitsbild kennen würden?

Dann wäre ihnen wahrscheinlich wochen- oder monatelange Quälerei erspart geblieben! Der ausgebildete HNO Arzt oder der Neurootologe (spezialisierter HNO Arzt) hilft ihnen gerne weiter!

Ursachen des Lagerungsschwindels

Anders als bei vielen anderen Erkrankungen des Hör- und Gleichgewichtsorgans scheint die Ursache und der Mechanismus eines Lagerungsschwindels nahezu komplett aufgeklärt. Das Verständnis des anatomischen Aufbaus des Vestibularorgans ist Voraussetzung für das Verstehen und die Behandlung des Lagerungsschwindels.

Wo entsteht der Lagerungsschwindel?

Der Lagerungsschwindel entsteht im Gleichgewichtsorgan des Menschen und befindet sich in unmittelbarer Nähe des Innenohres, mit dem es auch verbunden ist. Beide Organe zusammen werden als Labyrinth bezeichnetet. Das Vestibularorgan unterteilt sich in fünf Bestandteile:

  • drei Bogengänge,
  • der Utriculus
  • und der Sacculus

Lagerungsschwindel Ursache

Die drei Bogengänge

3 Bogengänge, die auch als „Cupulaorgane“ bezeichnet werden. Die Bogengänge sind für die Registrierung von Drehbewegungen verantwortlich. Sie sind in die drei Ebenen des Raumes angeordnet und unterteilen sich in einen vorderen, hinteren und seitlichen Bogengang.

Die Bogengänge sind mit Flüssigkeit gefüllt. In jedem dieser Bogengänge gibt es jeweils einen kleinen „Knubbel“ (Ampulla). In diesem „Knubbel“ befinden sich die Nervenzellen, die für die Registrierung der Drehbewegungen verantwortlich sind.

Der Utriculus

Der Utriculus ist für Registrierung der horizontalen Bewegung (vor und zurück) zuständig. Er meldet also dem Gehirn, ob wir uns vor oder zurück bewegen.

Der Sacculus

Der Sacculus registriert die Veränderungen in der vertikalen Ebene, wie wir sie beim Lift-fahren für das Auf und Ab benötigen. Meine Eselsbrücke hier ist: „Wenn man im Fahrstuhl absackt, dann ist der Sacculus dafür zuständig“

Für den Lagerungsschwindel sind nun gerade der Utriculus und der Sacculus sehr interessant. Der Fachmann bezeichnet sie als „Maculaorgane“. Damit die beiden die statischen Veränderungen, wie Vor und Zurück oder Auf und Ab registrieren können müssen sie etwas „beschwert“ werden.

Im Utriculus und Sacculus finden sich Nervenzellen, die in eine gallertartige Masse münden und den so genannten „Otolithen“. Die Otolithen sind feine Kristalle aus Kalziumkarbonat und erhöhen die Dichte der gallertartigen Membran.

Im Jahr 1969 leistete H. F. Schuknecht einen entscheidenden Beitrag zur Klärung der Ursache und Pathogenese der Erkrankung. Bei Autopsien von Patienten mit einem gutartigen Lagerungsschwindel fand er Ablagerungen auf dem so genannten Cupulaorgan im hinteren Bogengang. Dies führte zur ersten Theorie der „Cupulolithiasis“. Verstreute Otolithen würden demnach direkt auf der Cupula der Bogengänge zu liegen kommen und bei Lagenveränderung des Kopfes durch ihre Gravitationskraft einen Drehschwindel verursachen.

Bereits 4 Jahre später musste diese Theorie jedoch begraben werden. Schuknecht und Ruby wiesen darauf hin, dass die kurze Dauer und das wechselnde Auftreten von Ermüdbarkeit von Schwindel und Nystagmus durch die Cupulolithiasis Theorie nicht erklären lassen.

Es scheinen also nicht die einzelnen kleinen Steinchen zu sein, die das Problem verursachen, sondern eher ein „Otolithenpfropf“, der zu Endolymphbewegungen in den Bogengängen führt. Durch Sog oder Druck wird das Cupulaorgan des Bogengangs ausgelenkt und dies führt dann zu den klassischen Symptomen. Diese neue Theorie bezeichneten sie daher als „Canalolithiasis“.

Die Canalolithiasis – Hypothese vermag also die meisten Eigenschaften des gutartigen Lagerungsschwindels besser zu erklären. Bestätigt wurde sie schon mehrfach in Operationen des hinteren Bogengangs. Man fand während der Operation regelmäßig diese Otolithenpföpfe.

Trotz dieser für die meisten Fälle zutreffenden Hypothese gibt es noch offen Fragen, vor allem hinsichtlich der Therapieresistenz bei der die Kombination beider Mechanismen eine Rolle spielen könnten.

In Tierversuchen konnte nachgewiesen werden, dass Otolithen sehr leicht durch lineare oder zentrifugale Beschleunigungen herausgelöst werden können. Aufgrund der anatomischen Nähe werden sie fast immer im hinteren Bogengang angetroffen. Das Vorkommen eines gutartigen Lagerungsschwindels des hinteren Bogenganges bei Patienten mit Schädeltraumata bestätigt diese Untersuchung.

Aber auch ohne äußere Einwirkung können sich die Otolithen lösen und Beschwerden machen. Das Alter scheint hierbei eine wichtige Rolle zu spielen Die Degeneration von Otolithen erklärt vor allem das Auftreten eines gutartigen Lagerungsschwindels im mittleren und höheren Lebensalter.

Die Anzahl der Otolithen soll sich mit zunehmenden Alter verringern (Ross et al. , 1976). Degenerierte Otolithen könnten so spontan in die Bogengänge gelangen. Vor allem wegen der Anatomie ist der hintere Bogengang prädestiniert.

Eine interessante Beobachtung machten Lindsay und Hemenway 1956. Sie entdeckten in ihrer Arbeit mehrere Fälle, bei denen die Symptomatik eines gutartigen Lagerungsschwindels in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang von mehreren Tagen bis mehreren Monaten nach einem akuten, isolierten Vestibularisausfall aufgetreten ist, meistens auf der gleichen Seite wie der Ausfall des Vestibularorgans. Die Erkrankung wird nach deren Entdecker als Lindsay-Hemenway-Syndrom bezeichnet.

Symptome bei Lagerungsschwindel

Bei mir im Bett geht es rund!

Das können die wenigsten ab einem gewissen Alter behaupten, es trifft aber so ziemlich genau das Initialsymptom des Lagerungsschwindels und daraus ergibt sich der somit einzige Vorteil dieser Erkrankung: Sie können vor ihren Freunden/innen etwas angeben ;-).

Okay, Spaß bei Seite, widmen wir uns dem Thema. Ihnen wurde im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf verdreht -leider nicht von ihrem attraktiven Mann oder ihrer atemberaubenden Frau, sondern von den kleinen „Steinchen“ bzw. dem Pfropf im Gleichgewichtsorgan.

Die meisten Betroffenen berichten von einem kurzzeitigen, aber heftigen Drehschwindel beim Umdrehen im oder Hinlegen ins Bett. Darauf folgt sehr oft eine längere Phase der Übelkeit, die manchmal sogar in heftigen Erbrechen endet.

Der Schwindel dauert meist ein paar Sekunden oder max. 1-2 Minuten, die einem persönlich aber sehr lange vorkommen können.

Neben der klassischen Symptomatik bei Lagerungsschwindel, existieren noch andere Symptome, die auf einen eventuellen Lagerungsschwindel schließen lassen. Manche Betroffene berichten von kurzzeitigem Schwindel beim Bücken oder Aufstehen. Andere klagen beim Gehen über Unsicherheiten mit und ohne Gangabweichung.

Diese eher unspezifischen Symptome, sollten den Experten aufhorchen lassen und die Untersuchung auf einen eventuellen Lagerungsschwindel sollte erfolgen.

Lagerungsschwindel kann massiv ängstlich und depressiv machen!

Gerade, wenn der Lagerungsschwindel zum ersten Mal auftaucht, kann der Betroffene dies nur sehr schlecht einordnen. Es ergibt sich eine komplett neue Situation, die er oder sie so noch niemals zuvor erlebt hat. Alles dreht sich und man erfährt einen Kontrollverlust über seinen Körper.

Kontrollverlust gehört zu den Urängsten des  Menschen. Das Drehen ist dem Bewusstsein unbekannt. Wenn etwas unbekannt ist, wird es als gefährlich eingestuft und – das kommt noch dazu – der Betroffene kann nichts an seiner aktuellen Situation ändern. Der Griff zum Telefon und der Alarmierung des Notarztes ist mehr als verständlich.

Dieses Ereignis frisst sich nun aber in manchen Patienten fest und führt leider zu Vermeidungsverhalten. Tatsächlich gibt es Menschen, die nach dem Ereignis nur noch im Sitzen schlafen auch wenn der Lagerungsschwindel schon lange nicht mehr nachweisbar ist. Andere Patienten lehnen jede Behandlung des Schwindels ab! Lieber ertragen sie die Einschränkungen, die ihnen dieses Krankheitsbild bietet über Jahre oder Jahrzehnte.

Immerhin darf man kein Auto, Fahrrad oder sogar Motorrad bewegen, wenn man unter Lagerungsschwindel leidet.

Dieses starre Vermeidungsverhalten führt dann auch zu Verspannungen im Nacken und zu Blockaden der HWS. Das Krankheitsbild chronifiziert und ein phobischer Schwindel entsteht.

Diesen Patienten kann man nur noch mit einer Verhaltenstherapie, Psychotherapie und Entspannungsverfahren helfen, bevor man eine Krankengymnastik anschließen sollte.

Diagnostik des Lagerungsschwindels

Die Diagnose des Lagerungsschwindels ist eine Herausforderung für jeden Arzt, denn mit wenigen Handgriffen, kann man bereits sicher auf die Funktionsstörung und die betroffene Seite schließen. In der Feindiagnostik kommt es darauf an, den betroffenen Bogengang zu identifizieren und andere Schäden des Hör- und Gleichgewichtsorgans auszuschließen.  Hier ist die Hand eines erfahrenen HNO Arztes gefragt.

Lesen Sie hier weiter: Diagnostik bei Lagerungsschwindel

Therapie des Lagerungsschwindels

Tabletten sind immer schön, aber beim Lagerungsschwindel nicht sehr nützlich. Im akuten Fall kann man die Übelkeit mit Vomex Tabletten oder im Extremfall Vomex Zäpfchen dämpfen. Die Ursache eines Lagerungsschwindels kann man aber nur mit speziellen Übungen oder Manövern behandeln.

Ja, die Behandlung kann belastend sein und ja, es kann auch mal sehr belastend sein. Am Ende steht aber bei den allermeisten Patienten die Heilung! Sie sollten auf keinen Fall alleine zu Ihrem behandelnden Arzt kommen und schon gar nicht selbst hinfahren. So lange man unter einem Lagerungsschwindel leidet besteht striktes Fahrverbot!

Stellen sie sich nur einmal vor, sie haben einen Lagerungsschwindel auf der rechten Seite und kommen in eine Situation, in der sie schnell nach rechts schauen müssen. Danach ist es hoffentlich nur ein Baum gegen den sie fahren und nicht ein Kind.

Ich habe Ihnen unter der Rubrik „Therapie des Lagerungsschwindels“ die aktuellen Übungen und unterstützenden Maßnahmen zusammengestellt.